Engelbergplatz / Brautstr. 1 – Familie Salomon

Engelbergplatz / Brautstr. 1 – Familie Salomon

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“Zeitzeugengespräch 08-2020)”

  • Georg Salomon,
  • Margarete (Grete) Salomon, geb. Wolff
  • Inge Salomon
  • Edith Salomon
An dieser Stelle werden weitere Stolpersteine verlegt.

Nach dem Tod von Max Meyer wurde sein Geschäft am Engelbergplatz, Ecke Brautstrasse von Georg Salomon (*21.03.1897) und seiner Frau Margarethe, genannt Grete (*29.03.1893) als Pächter weitergeführt, die daraus ein modernes Schuhgeschäft machten. ((Meldekarte, Samtgemeindearchiv Bruchhausen-Vilsen))

Originelle Anzeigen und Werbegeschenke des Schuhhauses Georg Salomon. ((Inspektionsbote 12.1930))((Kreismuseum Syke))

Georg Salomon stammte ursprünglich aus Mroczno, Kreis Löbau in Westpreußen. Er kam um 1925 nach Nordwestdeutschland, wahrscheinlich nachdem aufgrund des Versailler Vertrags große Teile Westpreußens an Polen fielen. Seine Frau Margarethe (Grete), geb. Wolff stammte aus dem nicht weit entfernten Soldau. Ungewöhnlich für die Zeit war Grete Salomon vier Jahre älter als ihr Mann.

Kurz nachdem Georg Salomon nach Vilsen gezogen war, hörte er, wie bei einer Geflügelausstellung in Bruchhausen ein Mann eine antisemitische Bemerkung machte. Er stellte diesen daraufhin vor der Tür zur Rede und wurde gefragt, ob er selbst ein Jude sei. Georg Salomon bejahte dies und ohrfeigte den Mann. ((NLA ST Rep. 171 a Verden Nr. 605))

Zwischen 1925 und 1935 betrieben Georg und Grete Salomon das zentrale Schuhgeschäft am Engelbergplatz und bekamen zwei Töchter: Edith (*1925) und Inge (*1927). Die Kindheit der Mädchen verlief zunächst ganz normal: Sie besuchten die Vilser Grundschule, gingen auf Kindergeburtstage und spielten mit den anderen Mädchen und Jungen aus der Brautstrasse. ((Nordhausen. Helmut (2016) Kein Schnee von gestern. Druckhaus Westermann.)) ((Gespräch mit Zeitzeugin 08-2020))

Die Salomon-Schwestern auf einem Kindergeburtstag (1. Reihe. 4. von links, 2. Reihe 3. von links), um 1937. (GemA BVI, 20 Bruchhausen-Vilsen, 20.331.03))

Aber als die Mädchen älter wurden, änderte sich die Stimmung in Vilsen und den umliegenden Orten: Bereits 1932 rief bei einer Veranstaltung im gegenüberliegenden Hotel Dörgeloh die NS-Frauenschaft des Kreises zum Boykott „nicht-christlicher“ (d.h. jüdischer) Geschäfte auf. Ein nicht-jüdischer Angestellter der jüdischen Familie Liepmann in Bücken berichtete, dass er schon vor August 1932 keine Schulden mehr in den umliegenden Dörfern eintreiben konnte. Stattdessen bekam er zu hören „Demnächst kommt Adolf Hitler, der bezahlt alles für uns!“. ((Wann wird man je versteh’n … : der Weg der Hoyaer Juden bis 1942 / Heike Mallus-Huth ; Hans Huth, Mannheim : VWM-Verl. Wagener, 1992.))

Dieser frühe Boykott jüdischer Geschäfte erklärt, warum Georg Salomon wohl schon vor 1933 in so starke Zahlungsschwierigkeiten kam, dass er laut Aussage der Nachbesitzer seit zwei Jahren keine Miete mehr gezahlt hatte. Das Haus, das noch Mitte der 1920er Jahre in einem guten Zustand gewesen war, sei verfallen. Im zeitlichen Zusammenhang mit diesen Boykottmassnahmen verkaufte 1934 seine Vermieterin, die ebenfalls jüdische Clara Meyer, das Geschäftshaus am Engelbergplatz für nur 9000 RM. ((NLA ST Rep. 171 Verden Rückerstattung acc. 2009/057 Nr. 640)) ((Meldekarte, Samtgemeindearchiv Bruchhausen-Vilsen))

Das ehemalige Schuhgeschäft Georg Salomon Ecke Engelbergplatz / Brautstrasse, um 1940.

In dieser Notlage zog die Famlie Salomon 1935 mit dem Schuhgeschäft in das Geschäftshaus der ebenfalls jüdischen Familie Lindenberg in der  Bahnhofstr. 53 (alte Nummer 62/63). Dort wurden sie jedoch weiterhin boykottiert. Eine Zeitzeugin berichtet, dass sie als Kind mit der Salomon-Tochter im menschenleeren Laden zwischen hunderten von Schuhen gespielt hat. Kunden schlichen sich nur noch heimlich in den Laden. ((Zeitzeugengespräch 08-2020))

Die finanzielle Lage der Salomons verschlechterte sich weiter: Seit dem 10.9.1935 war Georg Salomon von der Einkommenssteuer befreit und ab dem Winter 1937/38 erhielt die Familie Unterstützung von der Jüdischen Winterhilfe. Zur gleichen Zeit bekam sie von der jüdischen Gemeinde Hamburg ein Darlehen. ((NLA HA, Hann. 210, Acc. 2004/025 Nr. 4241))

Ab dem Winter 1937 war die 12-jährige Edith Salomon in einem Jüdischen Waisenhaus in Hamburg gemeldet. Jüdischen Waisenhäuser hatten zu dieser Zeit die Funktion von Internaten und nahmen oft Kinder von finanzschwachen Familien auf. Möglicherweise war aber auch das folgende Ereignis der Auslöser für den Umzug: Eine Zeitzeugin berichtet, dass an der Vilser Schule die Situation für die jüdischen Schüler eskalierte, als ein Lehrer aus Österreich eingestellt wurde (nach dem Anschluss Österreichs 1937?), der ein besonders aggressiver Nationalsozialist war. Er demütigte das Mädchen und zwang sie während des Unterrichts, sich auf die Fensterbank zu stellen. Zur Klasse sagte er: „Da habt ihr euren Kaktus.“ ((Zeitzeugengespräch 08-2020) ((Meldekarte, Samtgemeindearchiv Bruchhausen-Vilsen))

Vor den Geschäft von Minna DeLeeuw: Elfriede 2 v. links, 1932.

Diese merkwürdige Äußerung scheint sich auf ein Ereignis beziehen, das sich zuvor in Syke abgespielt hatte. Elfriede, die Enkelin der jüdischen Obsthändlerin Minna de Leeuw, hatte aus Jux zu Weihnachten einen Kaktus ins Schaufenster des Ladens gestellt und mit Lametta dekoriert. Dies wurde von der NSDAP zum Anlass genommen, der Familie eine bewusste Beleidigung der christlichen Weihnacht zu unterstellen, und sie im Stürmerkasten anzuprangern.  Minna de Leeuw wurde in Folge dieser und anderer Schikanen am 13.12.1937 erhängt aufgefunden. Die Demütigung durch den österreichischen Lehrer könnte in diesen Zeitraum gefallen sein, denn schon am 30.12.1937 wurde Edith Salomon in das jüdische Waisenhaus Paulinenstift am Laufgraben 37 in Hamburg geschickt. ((Greve, Hermann (2007) : „ Stolpersteine “ Der Erinnerung einen Namen geben. Informationen zu den achtzehn Syker „Stolpersteinen“. Eine Dokumentation zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Syke. Hrsg.: Stadt Syke.))

Trotz dieser Ereignisse hatten einige  Vilser weiterhin Umgang mit den Salomons. Frau Sander aus der Bahnhofstrasse putzte noch bis Herbst 1938 für die Familie, obwohl die Arbeit von weiblichen „arischen“ Hausangestellten unter 45 Jahren bei Juden bereits durch die Nürnberger Gesetze (1935/1936) ausdrücklich verboten war. Dieses führte unter der Rubrik „Was das Volk nicht verstehen kann“ zu einer Denunziation gegen Frau Sander und Herrn Solomon im Stürmer, dem deutschlandweit erscheinenden Propagandablatt der NSDAP: ((Der Stürmer, 1938-46))

Die Ehefrau Elisabeth Sander, wohnhaft in der Bahnhofstrasse 151 zu Bruchhausen-Vilsen (Grafschaft Hoya), arbeitet als Reinemach- und Waschfrau bei dem Juden Georg Salomon in Bruchhausen-Vilsen. Frau Sander ist gleichzeitig bei der Zweigstelle Vilsen der Kreissparkasse als Reinemachfrau beschäftigt.

Solche Denunziationen wurden in sog. Stürmerkästen in jedem Ort öffentlich ausgehängt. Schon ab 1932 befand sich ein Anschlagkasten der NSDAP in der Bahnhofstrasse, also in Nachbarschaft der Salomons.  ((Hoyaer Wochenblatt, Lokales, 28.7.1932))

Denunziation gegen die Putzfrau von Familie Salomon im Stürmer, Herbst 1938. ((Der Stürmer, 1938-46))

Seit dem Sommer 1938 wurde das Haus, in dem die Salomons untergekommen waren, durch den Auktionator Engelberg im Hoyaer Wochenblatt angeboten und am 17.9.1938 verkaufte der Hausbesitzer Emil Lindenberg es an den gegenüber wohnenden Kaufmann Heinrich Bullenkamp für 12.500 RM. Die Übergabe fand am 15.10.1938 statt. Am 17.10.1938 verzogen die Salomons nach Hoya, nachdem sie am 14.10.1938 noch das Inventar ihres Schuhgeschäfts versteigern lassen hatten. ((NLA HA, Hann. 210, Acc. 2004/025 Nr. 4241)) ((NLA HA, Hann. 210, Acc. 2004/025 Nr. 4445))

Knapp vier Wochen nach ihrem Umzug gerieten die Salomons in Hoya in die Pogromnacht, bei der auch die Hoyaer Synagoge angezündet wurde. Ein SA-Mann berichtete nach 1945 im Hoyaer Synagogenbrandprozess: ((NLA ST Rep. 171 a Verden Nr. 605))

Wir traten dann an und marschierten durch die Stadt zu den Wohnungen der einzelnen Juden […] Wir marschierten zu dem Haus von Salomon. Dort ist jemand ins Haus gegangen und hat den Juden Salomon herausgeholt. Er musste innerhalb unseres Trupps mit marschieren und wurde, glaube ich, im Gerichtsgefängnis abgeliefert.

Im Trupp der SA-Männer begegnete Georg Salomon dem Mann wieder, den er mehr als zehn Jahre zuvor wegen einer antisemitischen Bemerkung geohrfeigt hatte. Eine Verwandte der jüdischen Familie Deichmann sagte aus:

Als Herr Salomon von der SA durch die Strassen geführt wurde, wollte [SA Mann] Nebel mit dem Schulterriemen oder Koppel auf ihn einschlagen. […] So hat es mir Herr Salomon selbst erzählt […].

Georg Salomons Häftlingskarte, Buchenwald 1938. ((https://arolsen-archives.org/))

Georg Salomon wurde mit den anderen jüdischen Männern aus Hoya im Gefängnis festgehalten, bis am Abend ein Bus mit weiteren jüdischen Männern aus dem ganzen Kreisgebiet eintraf. Sie wurden dann zusammen über Hannover nach Buchenwald transportiert, wo sie misshandelt wurden. Ziel dieser Aktion war, eine Auswanderung zu erzwingen, wofür den Salomons allerdings das Geld fehlte. ((Greve, Hermann (2007) „ Stolpersteine “ Der Erinnerung einen Namen geben. Informationen zu den achtzehn Syker „Stolpersteinen“. Eine Dokumentation zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Syke. Hrsg.: Stadt Syke.)) ((Hornecker, Elfriede (2017) Woher.Wohin: jüdische Familien im Hoyaer Land, Hoya : Heimatmuseum Grafschaft Hoya e.V.))

Der Ertrag aus der Versteigerung des Ladeninventars  wurde nicht ausgezahlt, weil die SA dem Vilser Versteigerer anlässlich des Novemberpogroms am 10.11.1938 mitteilte, dass das Geld beschlagnahmt sei. Es wurde erst im April 1939 durch die Devisenstelle Hannover freigegeben. Georg Salomon wurde am 07.12.1938 aus dem Sonderlager in Buchenwald entlassen und schrieb im April von Hoya aus an die Devisenstelle, dass er plane nach Nordamerika auszuwandern, falls es ihm möglich sei. ((NLA HA, Hann. 210, Acc. 2004/025 Nr. 4445))

Brief von Georg Salomon an die Devisenstelle in Hannover, April 1939. ((NLA HA, Hann. 210, Acc. 2004/025 Nr. 4445))

Die Familie wohnte zunächst in der Feldstrasse, musste dann aber wohl wie die anderen jüdischen Familien in das Hoyaer Armenhaus Am Kuhkamp („Eierburg“) umziehen, das ausserhalb der Stadt lag. Hier wurden ab 1941 auch Grete und Emil Lindenberg untergebracht. ((Hornecker, Elfriede (2017) Woher.Wohin: jüdische Familien im Hoyaer Land, Hoya : Heimatmuseum Grafschaft Hoya e.V.))

Am 31.04.1942 wurden die Salomons mit einem Transport über Hannover in das Ghetto Riga gebracht. Dort verliert sich die Spur von Grete Salomon und den beiden Töchtern, sie wurden für tot erklärt. ((Gedenkbuch https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch))

Georg Salomon überlebte bis Anfang 1945 und kam am 20. Januar 1945  mit einem Transport aus Częstochowa erneut nach Buchenwald. Wahrscheinlich hat er zuvor in Częstochowa in einem Werk der HASAG Zwangsarbeit geleistet. Sein Häftlingskarte gibt an, dass er zu diesem Zeitpunkt „keine nächsten Angehörigen“ mehr hatte.

Georg Salomons zweite Einlieferung nach Buchenwald, Frühjahr 1945. ((https://arolsen-archives.org/))

Georg Salomon wurde in Buchenwald zunächst im Block 62 im sogenannten Kleinen Lager untergebracht und am 27. Februar 1945 in das Außenlager Flößberg verlegt, wo man ein in Polen demontiertes HASAG-Werk wiederaufbaute. Ab hier verliert sich seine Spur.

Die Fabrikanlagen der HASAG wurden bei einem Luftangriff im März 1945 zerstört, in der nachfolgenden Zeit mussten die Häftlinge Wiederaufbauarbeiten leisten. Kurz vor der Befreiung wurde das Lager zwischen dem 11. und 13. April 1945 geräumt und die Häftlinge in einem Zug Richtung Mauthausen-Gusen transportiert. Bei den Räumungstransporten und Todesmärschen starben bis zu 15.000 Menschen, die bis heute zum grössten Teil nicht identifiziert wurden. ((Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora)) ((https://arolsen-archives.org/))